Regionale Kulturarbeit

In nur vier Jahren sich eingeschrieben in die Talgeschichte – die Villgrater Kulturwiese

Susanne Gurschler
10. Februar 2022

Sie galt als eine der spannendsten Kulturinitiativen Tirols in den 1990er Jahren. Ein Brand veranlasste die Initiator:innen, das Projekt nach nur vier Jahren zu beenden. Vergessen ist die Villgrater Kulturwiese aber nicht. Im Gegenteil.

In Außervillgraten steht, etwas oberhalb der Hauptstraße, eine Kapelle. Sie steht genau an jener Stelle, an der kurz nach Ostern 1996 das sogenannte „Goaße-Häusl“ abbrannte. Dass es sich um Brandstiftung handelte, war rasch klar. Das über 300 Jahre alte Gebäude hätte als dauerhafte Einrichtung für die Villgrater Kulturwiese dienen sollen. Die Kulturinitiative konzipierte und organisierte seit 1992 ein innovatives Kulturprogramm in Inner- und Außervillgraten. Es verband Dörfliches mit Überregionalem, Zeitgenössisches mit Traditionellem, band die Talbewohner:innen ein und brachte internationale Künstler:innen ins Tal. Die Initiator:innen setzten auf Musik und Literatur, Kunst und Film – stets mit engem Bezug zum Leben, zum Alltag im Villgratental, zu dessen Geschichte und zu den Bewohner:innen.

Das Bild zeigt eine Kapelle auf grüner Wiese mit einem Jausentisch.
An der Stelle in Außervillgraten, wo 1996 das „Goaße-Häusle“ brannte, hat der Besitzer des Grundstücks eine Kapelle errichtet. © Susanne Gurschler

Die Brandstiftung bedeutete das Ende einer Initiative, die sich binnen kürzester Zeit regional und überregional etabliert, unzählige freiwillige Helfer mobilisiert, tausende Besucher:innen angelockt und medial für große Resonanz gesorgt hatte. Nur vier Jahre also bestand die Villgrater Kulturwiese, ihr programmatisch-künstlerischer Ansatz, ihr gesellschaftlich-ideeller Zugang aber grub sich ins kollektive Gedächtnis der beiden Dörfer – und wirkt bis heute nach.

Ein reicher Fundus

Die Villgrater Kulturwiese pflanzte ihre Aktivitäten nicht in unbehandelten Boden. Johannes E. Trojer (1935–1991), Historiker, Volkskundler, Publizist, Forscher, Journalist und Volksschullehrer in Innervillgraten, hatte über Jahrzehnte ein einzigartiges Dokumentationsarchiv über das Villgratental, die Region angelegt. Zudem zwischen 1977 und 1987 halbjährlich die Kulturzeitschrift Thurntaler herausgegeben, in der zeitgenössische Künstler:innen und Intellektuelle zu Wort kamen, Geschichte, Alltagsleben, Kunst und Kultur zentrale Themen darstellten.

Sein kulturelles Engagement für und in der Region war der Boden, aus dem die Kulturwiese wuchs und schöpfte. „Trojer ist mein Volksschullehrer gewesen. Er hat eine Art Archäologie des dörflichen Geschehens erstellt, alles gesammelt, was interessant sein könnte“, so Andreas Schett, Gründer der Villgrater Kulturwiese.

Bunte Wiese

Die Idee war, dörfliche Kultur, heimische Kulturträger – von der Musikkapelle bis zum Kirchenchor – und zeitgenössische Kunst zusammenzubringen und daraus Neues entstehen zu lassen. Schett überzeugte Oswald Fürhapter, den damaligen Geschäftsführer des TVB, und die politischen Entscheidungsträger, scharte Gleichgesinnte aus dem Tal um sich. Der Tischler Alois Trojer und der Schmied Alfons Steidl, der Gastronom Josef Mühlmann und der Schafzüchter Josef Schett waren ebenso Mitglieder der Villgrater Kulturwiese wie der Fotograf Lukas Schaller und der Bundesbeamte Helmut Bachmann. Dazu kamen die damals Studierenden Andrea Senfter und Ingrid Fürhapter – um nur einige der Akteure zu nennen.

Ingrid Fürhapter, Nichte von Johannes E. Trojer, hatte nach dessen Tod begonnen, den Nachlass aufzuarbeiten und stieß 1993 zur Villgrater Kulturwiese. „Sie hat einen offenen Kulturbegriff gelebt, mit Leuten vor Ort gearbeitet, das dörfliche Leben in den Mittelpunkt gestellt und den Austausch mit regionalen und internationalen Künstlern gesucht – eine total spannende Mischung“, erläutert Fürhapter.

Bezug zur Region
Programm Villgrater Kulturwiese 1994
Vorderseite des Programms zur Villgrater Kulturwiese 1994 © Nachlass J. E. Trojer/ Forschungsinstitut Brenner-Archiv
Programm Villgrater Kulturwiese 1995
Vorderseite des Programms zur Villgrater Kulturwiese 1995 © Nachlass J. E. Trojer/ Forschungsinstitut Brenner-Archiv

Was 1992 etwas behäbig begann, stand schon im zweiten Sommer unter dem programmatischen Motto Dorfleben, das sich wie ein roter Faden weiterziehen und ganz spezielle künstlerische Aktionen hervorbringen sollte. So holte die Villgrater Kulturwiese 1994 den Kärntner Künstler Fritz Russ ins Villgratental. An ausgewählten Plätzen errichtete er Objekte, die er aus alten Metallteilen, aussortierten bäuerlichen Gerätschaften geschaffen hatte. Neben dem Kriegerdenkmal in Außervillgraten standen plötzlich Soldaten aus alten Sensen, im Ortszentrum von Innervillgraten 16 „Bauern“ auf einem Schachbrett, während Königin und König vor dem Büro des Bürgermeisters wachten.

Was den einen als gelungener Ausdruck einer künstlerischen Auseinandersetzung mit der bäuerlichen Kultur galt, war für andere „Müll“. Auch der „Bergmäher“, eine in die Wiese gemähte Figur, dem Bergmäher des Künstlers Albin Egger-Lienz nachempfunden, provozierte offensichtlich. Es kam zu Vandalenakten.

In eine Bergwiese wurde mit Heu das Bild Bergmäher von Albin Egger Lienz nachempfunden.
Nach dem Motiv „Der Mäher“ von Albin Egger-Lienz in die Wiese gemäht von Stefan Schett und Romed Perfler – Villgrater Kulturwiese, Juli 1994 © Nachlass J. E. Trojer/ Forschungsinstitut Brenner-Archiv/Fotograf unbekannt
AlpenRosenAsphalt

Dabei stellten die künstlerischen Interventionen immer einen Konnex zum Tal her, gleichzeitig spiegelten sie gesamtgesellschaftliche Probleme und Fragen. Ein eindrückliches Beispiel dafür war der Film „AlpenRosenAsphalt“, der 1995 gedreht wurde. Das Konzept war, den Alltag im Villgratental in Echtzeit zu filmen und das Geschehen von einem Chor (Villgrater Viergesang, Geschwister Senfter) kommentieren zu lassen. Das Ganze unterlegt mit einer Komposition von Haimo Wisser, der Fremdenverkehrstexte aus der Feder von Trojer musikalisch verarbeitete.

Ausgestrahlt wurde der Film nur in Inner- und Außervillgraten. Die „Realtime“-Bilder zeigten den (dörflichen) Alltag in seiner ganzen Banalität. Die Bevölkerung sah am Bildschirm, was gerade auf der Straße passierte. Schließlich strahlte der ORF „AlpenRosenAsphalt“ auch noch in der Sendung „Kunststücke“ aus. Eigen- und Fremdwahrnehmung prallten aufeinander. „Die Fragen, die dieser Film aufwarf, waren ja nicht nur für das Dorf relevant, sie betrafen viele gesellschaftliche Bereiche: Was steht für uns? Wer sind wir? Wie wollen wir wahrgenommen werden? Wie werden wir wahrgenommen? Und: Was ist Kultur?”, so Andreas Schett.

Ein schwarz weiß Portrait vor einem Baum. Auf dem T-Shirt steht
Andreas Schett bei der Eröffnung der Villgrater Kulturwiese 1993 © Gottfried Rainer/Sammlung Gottfried Rainer/Tiroler Tageszeitung – TAP
Konfliktpotenzial

Rund um die Aktivitäten der Villgrater Kulturwiese brachen alte dörfliche Konflikte auf. Die Auseinandersetzungen etwa nach dem Tod des Wilderers Pius Walder – er war 1982 von einem Jäger erschossen worden – hatten in der Bevölkerung tiefe Risse hinterlassen, die mediale Berichterstattung darüber sie traumatisiert. „Die Medien sind damals über den Ort hergefallen wie die Heuschrecken, die Leute fühlten sich ohnmächtig, vorgeführt“, erinnert sich Schett.

Dazu kamen andere nicht bereinigte Streitigkeiten, Ausgrenzungen, emotionale Verletzungen. „Konfliktüberlagerungen, die die Atmosphäre zusehends vergifteten“, sagt Fürhapter. Wie viel Zündstoff diese Verwerfungen bargen, habe man vielleicht einfach unterschätzt, so Schett im Rückblick.

Dabei verzeichnete die Villgrater Kulturwiese begeisterte Besucher:innen, nationale und internationale Medien berichteten von der Kulturinitiative, die in einem abgelegenen Hochtal innovative Wege in Sachen Kunst und Kultur ging. Beim von Wolfgang Mitterer verfassten Stück „Waldmusik für ein venezianisches Sägewerk”, aufgeführt am Bachlauf, harrten die Zuhörer bei strömendem Regen aus, beim Orgelkonzert von Mitterer drängten sie in die Pfarrkirche Außervillgraten.

Einige störte jedoch massiv, dass Überkommenes, Bekanntes mit Neuem in Verbindung gebracht oder hinterfragt wurde, und orteten einen Affront gegen die „Volkskultur“. Deren Brüche wurden zum Beispiel thematisiert, als sich die Musikgruppe Pro Brass mit Villgrater Blasmusikanten durch die Geschichte der Marschmusik spielte. Und zeigte, dass Musikkapellen immer für den Machthabenden ausrück(t)en – ob österreichischer Kaiser, Engelbert Dollfuß, Wegbereiter des Austrofaschismus in Österreich, oder Adolf Hitler, bis herauf in die jüngste Geschichte. Wie brisant das Thema insgesamt noch immer ist, zeigte sich vor wenigen Jahren in der Debatte um die Nazi-Vergangenheit einiger hochrangiger Funktionäre der Tiroler Blasmusik, deren Kompositionen unkritisch gespielt wurden – und werden.

Eine wendige Gegnerschaft

Die massiven Angriffe gingen von einem kleinen Teil der Bevölkerung aus. Gerade einmal 16 Prozent der Villgrater waren dafür, die Villgrater Kulturwiese sofort abzudrehen, 32 Prozent dagegen fanden die Initiative wertvoll und wichtig. Das ergab eine Umfrage, die Wolfgang Ainetter für seine Diplomarbeit über die Villgrater Kulturwiese in den Innervillgrater Haushalten durchführte. „Das heißt auch, 52 Prozent war es egal. Das ist für mich der Knackpunkt bis heute: Wenn du was machst, gibt es doppelt so viel Befürworter wie Gegner, aber der Mehrheit ist es wurscht“, erklärt Andreas Schett.

Die Gegner agierten überaus geschickt und nutzten ihren politischen Einfluss. Absagen häuften sich, immer mehr Hindernisse tauchten auf. Hier war ein Raum nicht mehr zu haben, dort eine zusätzliche Genehmigung einzuholen, die Frist für das Ansuchen schon abgelaufen usw. Schließlich mobilisierte das „Komitee für das Weiterbestehen der Villgrater Kulturträger“ gegen die Kulturwiese. Ihm gehörten Entscheidungsträger und Honoratioren an – vom Pfarrer bis zum Jungbauernobmann, vom Schützen- bis zum Bauernbundobmann. Das Komitee stellte die Frage, welche Kultur im Tal gewünscht sei. Gleichzeitig wurden die Botschaften in den anonymen Briefen immer bedrohlicher. Die „Kulturwiesler“ gehörten „d’schlogn“, so die unmissverständliche Message.

Ende mit Schrecken

Schließlich stellte das Komitee den Gemeinderat vor die Wahl: Entweder die oder wir! „Die Gemeinde strich daraufhin die Subvention für das Festival. Es ging um keinen großen Betrag, aber das Zeichen war natürlich fatal“, erinnert sich Schett. Als im April 1996 schließlich das Goaße-Häusl, das als ganzjähriges „Kulturgelände Villgraten“ dienen sollte, abbrannte, war eine neue Eskalationsstufe erreicht. „Die Stimmung bei der einberufenen Vereinssitzung war gedrückt. Viele stellten sich die Frage: Wessen Haus würde das nächste sein?”, erzählt Ingrid Fürhapter. Die Mitglieder der Initiative beschlossen aufzuhören.

Nach nur vier Jahren war die Villgrater Kulturwiese zwar Geschichte, aber eine, die sich tief ins kollektive Bewusstsein der Bevölkerung im Villgratental im wahrsten Sinne des Wortes eingebrannt hat – und nachwirkt. Eines ihrer Aushängeschilder, die Musicbanda Franui, von Andreas Schett als „Haus- und Hofkapelle“ der Villgrater Kulturwiese 1993 gegründet, gibt es noch heute. Sie wird längst als Villgrater Kultur gesehen, als Exportschlager aus dem Tal.

Anlässlich des 20-Jahr-Jubiläums der Gruppe, die nach wie vor in Originalbesetzung spielt, fand 2013 ein großes Open-Air-Konzert auf jener Almwiese statt, die Franui ihren Namen gab. Rund 80 Freiwillige aus dem Tal halfen bei der Organisation des Events, rund 1.800 Zuschauer pilgerten auf den Berg, um am Konzert teilzunehmen. Für viele trägt Franui die Idee der Villgrater Kulturwiese weiter. „Die Ereignisse sind jetzt eine Generation her. Die jungen Leute sehen die Villgrater Kulturwiese ganz anders, wollen darauf aufbauen“, freut sich Andreas Schett. Die damals so heftig bekämpfte Initiative könnte der Boden sein, auf dem nun wieder Neues entsteht.

Vor schwarzem Hintergrund stehen 10 Personen in schwarzen Oberteilen. Darauf ist jeweils ein kurzer weißer Streifen.
Die Haus- und Hofkapelle der Villgrater Kulturwiese, die Musicbanda Franui feiert 2023 ihr 30-jähriges Bestehen. © Julia Stix
Über die Autorin

Susanne Gurschler

Studium der Germanistik und gewählter Fächer in Innsbruck, freie Journalistin und Autorin. Schreibt Beiträge und Reportagen für Magazine, Sammelbände, Jahrbücher und Kataloge und verfasst Sachbücher. Zuletzt erschienen: „Handwerk in Tirol. Wo Können auf Leidenschaft trifft“, „Zwei Bühnen, acht Mal Kultur”, Reihe Kulturorte Nr. 3 (beide Tyrolia Verlag) und „111 Orte in Osttirol, die man gesehen haben muss“ (Emons Verlag).

www.susannegurschler.at

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