Kulturpolitik

Barbara Hundegger anlässlich der Kulturpreisverleihungen Tirol am 6.10.2021

Barbara Hundegger
08. Oktober 2021

ein herzliches hallo Ihnen und euch allen auch von meiner und unserer seite, der der künstlerinnen und künstler, in deren namen ich heute ein paar worte sagen soll.

zuallererst und „naturgemäß“ sagen wir danke für unsere preise und danke für die heutige veranstaltung, die uns nach der corona-bedingten und für viele harten menschen-entzugszeit gelegenheit zum wiedersehen mit geschätzten kolleginnen und kollegen und anderen netten leuten gibt, danke an die jurys, die uns diese preise zuerkannt haben, danke an unsere künstlerischen wegbegleiter und -begleiterinnen, an die veranstalterinnen und veranstalter, die uns öffentlichkeit erst ermöglicht haben, danke für die freundlichen worte über uns und unsere arbeit.
der innigste dank geht dabei an die uns am nächsten stehenden menschen, die uns auch an den unglamourösen tagen und jahrein, jahraus beistehen in den stürmen und flauten des lebens: an unsere lieben und liebsten – die in jeder hinsicht unsere größten förderinnen und förderer sind.
und weil uns die corona-zeit gerade wieder gezeigt hat, dass nicht die chronisch in sich selbst vernarrten alpha-gestalten, sondern jene menschen systemrelevant sind, die fern von top-frisur und dem perfekten sitz von krawatten ihre arbeit machen und so den ganzen laden am laufen halten − darunter viele frauen −, sei heute besonders auch ihnen gedankt, die verlässlich im hintergrund wirken – und das reicht z.b. im heutigen fall von den organisierenden assistentinnen und sekretären über das catering bis zum putzpersonal, das hinter uns aufräumen wird.

und wir bedanken uns für: das geld, das wir bekommen − so viel realismus bei aller künstlerischen ambition muss sein. denn, wie es dieser tage im bezug auf die kulturpolitischen bemühungen, endlich angemessene künstlerische bezahlung sicherzustellen, gerade wieder zu lesen stand: „Der Befund ist seit Jahren klar: Zahlreiche Studien haben ... ergeben, dass die überwiegende Mehrheit der Kunst- und Kulturschaffenden in Österreich und anderen europäischen Ländern von ihrer Arbeit nicht vernünftig leben kann. 1000 Euro Durchschnittsverdienst, prekäre Verträge und Versicherungslücken sind häufig. Das vielbemühte Bild vom brotlosen Künstler (und anm. bahu: der brotlosen künstlerin!), es ist ... kein Relikt früherer Jahrhunderte, sondern brandaktuell.“

das noch verschärfend, findet die künstlerische arbeit hierzulande: ja meist im abraum geschäftssüchtiger seilbahn-franzls und hotel-hansls und bau-edis und wirtschafts-stoffls und skiimperiums-heinzis und gletscher-loisls und luder-seppls und immobilien-ich-brauch-dringend-einen-hubschrauberlandeplatz-am-glungezer-renés usw. statt, welche sich u.a. in vogel-runden, die aber geier-schatten werfen, zusammenrotten und dieses land und seine landschaft als ihre mine betrachten, aus der sie in feudaler herrschaftsmanier und auf kosten des gemeinwohls herausscheffeln wollen, was nur geht.
vor solcher szenerie wäre es auch eine überlegung wert, anstatt uns künstlerinnen/künstlern behördlicherseits die so genannte tourismusabgabe vorzuschreiben, dem tourismus eine kunstabgabe zu verordnen.

umso wichtiger, dass bei derartigem umfeld kunst ermöglicht und ambitioniert sichtbar gemacht wird in ihrer unersetzlichkeit als korrektiv zu bräuchen und usancen und als religions- und guru-unabhängige möglichkeit, seelische verbindung herzustellen zwischen der welt und der eigenen existenz. umso wichtiger, dass es kunst gibt, die sich jenseits von künstler-klischees und vermarktbarkeit und fern von gestimmtheitstrunkener gedankenveredelung in der abenddämmerung den relevanten fragen der zeit stellt. aber: auf die ihr eigene art. das kann z.b. so gehen – zitat inger christensen, dänische schriftstellerin von weltrang: „Da stürzt plötzlich / das Licht herein / und versteckt uns ganz“ − und belässt uns beschämt vor dem „schwindelerregend waagrechten Wissen des Weizenfeldes“.

eine solche demut täte im moment allen gesellschaftlichen gruppen, die zur gefährlichen selbstüberhöhung neigen – darunter viele männer −, zu unser aller bestem gut.
                                                                               

© bahu 2021
kulturpreisverleihungen tirol 2020/21 
6.10.2021 haus der musik ibk

Über die Autorin

Barbara Hundegger
lebt als freie Schriftstellerin und Lyrikerin in Innsbruck; mehrere Jahre Studium d. Germanistik, Philosophie u. Theaterwissenschaft in Innsbruck u. Wien; langjähriges Engagement in der Autonomen Frauenbewegung; Lektorin am Institut für Sprachkunst/Universität für Angewandte Kunst/­Wien; vielfach ausgezeichnet: u.a. Lyrikempfehlungen 2020 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung („anich.atmospären.atlas“ wurde zu den 10 besten deutschsprachigen lyrikbänden 2020 ge­wählt), Tiroler Landespreis für Kunst 2020, Anton-Wildgans-Preis (2014), Outstanding Artist Award für Literatur (2011), Christine-Lavant-Lyrikpreis (2003), Reinhard-Priessnitz-Preis (1999); Poesie-Projekte im öffentli­chen Raum („public poetry“ © bahu); zahlreiche Veröffentlichungen – zuletzt die Lyrikbände „[anich.atmo­sphären.atlas]“ (2019), „wie ein mensch der umdreht geht – dantes läuterungen reloaded“ (2014), „schreiben­nichtschreiben“ (2009), „rom sehen und“ (2006), alle im haymon verlag erschienen. Barbara Hundegger ist Trägerin des Landespreises für Kunst 2020.


                  
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Kategorie: Kulturpolitik