KlimaKultur

Kultur, Klima, Ökologie

Helene Schnitzer
18. März 2022

Statement von Helene Schnitzer im Rahmen der Dialoggruppe West | Strategie Kunst Kultur 22 des BMKÖS am 3. März 2022 in Bregenz

Noch hätten wir die Wahl zu entscheiden, ob wir den fortschreitenden Klimawandel „by design or by disaster“ erleben wollen, sagte Georg Kaser, einer der weltweit führenden Klimaforscher, beim Forum Klimakultur 2021 in Innsbruck. Er und seine Gesprächspartner*innen – die Umweltpädagogin Miriam Bahn und der Schweizer Künstler und Musiker George Steinmann – waren sich einig: Bei der Klimafrage geht es um nicht weniger als um einen notwendigen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel, der mit technisch-instrumentellen Lösungen allein nicht zu bewerkstelligen sein wird.

Vier Menschen sitzen in einem Glashaus. Von der Decke hängen Pflanzen, Globen und Lampen.

„Der Wechsel zu einer sozial gerechten und ökologisch verantwortungsvollen Entwicklung ist im Kern eine kulturelle Aufgabe und eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft,“ ist sich auch die deutsche Kulturwissenschafterin Hildegard Kurt sicher. Sie eröffnete als Impulsrednerin das erste Forum Klimakultur 2018, bei dem sich spontan die Initiative klimakultur.tirol gegründet hat.

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Foto: Daniel Jarosch

klimakultur.tirol ist ein loser Verbund von 12 Kultur- und Klimainitiativen und Akteur*innen, die sich mit der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Kunst und Klima sowie dem Potenzial der Künste und der Soziokultur für die anstehende gesellschaftliche Transformation beschäftigen. Mit dem diskursiven Forum Klimakultur und einem Blog mit Good Practice Beispielen möchte die Gruppe Möglichkeiten nachhaltigen Handelns aufzeigen, inspirieren und zum Mitmachen einladen. Denn genau das ist es, was Kunst und Kultur können: Experimentier- und Diskursräume eröffnen, Themen eine Bühne bieten, sensibilisieren, Fragen stellen, gestalten.

Die Auseinandersetzung von Kunst- und Kulturakteur*innen mit Aspekten der Ökologie ist nicht neu – denken wir an Josef Beuys 7000 Eichen bei der documenta 7 im Jahr 1982. Vor mehr als 50 Jahren prägte Beuys mit dem Begriff der „Sozialen Plastik“ eine künstlerische Praxis, die auf aktive Mitgestaltung von gesellschaftlichen und kollaborativen Prozessen abzielt. In dieser Tradition agierte auch der eingangs erwähnte Künstler George Steinmann, als er sich als „artistic observer“ in die politischen Delegationen zweier UN Klimakonferenzen hineinreklamierte. Er wollte nicht hinnehmen, dass dort selbstverständlich Wirtschaftslobbyisten teilnahmen aber keine Kunstschaffenden.

Das Potenzial der Künste, der Soziokultur aber auch der Kreativwirtschaft wird bislang noch zu wenig wahrgenommen, um dem Klimawandel tatsächlich „by design“ begegnen zu können. Dabei gibt es in den letzten Jahren immer mehr ermutigende Ansätze: In der Architektur wird mit neuen flächensparenden Wohnformen ebenso experimentiert wie mit der Wiederverwertung alter Bausubstanz. Design versucht nicht mehr nur, Produkte zu gestalten, sondern Prozesse. Es geht um design thinking, um die Lösung komplexer Probleme und die Entwicklung neuer Ideen. Die Künste aller Sparten beschäftigen sich in den letzten Jahren verstärkt mit sämtlichen Aspekten der globalen Klimakrise, wie auch bei kulturellen Großveranstaltungen z.B. der Biennale in Venedig zu sehen war.

Aber auch im Kleinen und im Lokalen tut sich einiges, wie der Blog von klimakultur.tirol aufzeigt:
Das Museum der Völker in Schwaz experimentiert mit recyclebarer Ausstellungsarchitektur, der Tiroler Musiker Manu Delago unternimmt mit seiner Band eine 1.600 km lange Konzerttour auf Lastenfahrrädern und produziert mit den mitgeführten Solarpanelen nebenbei den Strom für die Livekonzerte, der Ernährungsrat Innsbruck tritt in seinen Projekten für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem ein, interaktives Theater lässt die Teilnehmenden ihre Handlungskompetenz spüren – um nur einige Beispiele zu nennen.

 

Foto: Simon Rainer

Das Potenzial dieser soziokulturellen Initiativen liegt darin, in Kollektiven im Kleinen neue Ideen und Handlungsoptionen zu erproben, die später ins Große überführt werden können. Auf die oft gestellte Frage – wie wir vom Reden ins Tun kommen – liefert diese Form der „doing culture“ eine Antwort: aus neuen sozialen Praktiken entsteht neue Kultur, in diesem Fall eine Kultur der Nachhaltigkeit.

Neben dieser inhaltlichen Auseinandersetzung beschäftigen sich Kulturorganisationen zunehmend auch auf einer operativen Ebene mit Fragen der Ökologie und des Klimaschutzes. Sie konzipieren Veranstaltungen und Festivals als Green Events oder streben eine Zertifizierung ihrer Häuser als Green Locations an. Und sehr oft wirken diese intensiven Reflexions-Prozesse wieder auf ihre inhaltliche Arbeit zurück.

Nachdem wir uns hier in einem Kulturstrategieprozess befinden, stellt sich natürlich auch die Frage, was diese Entwicklungen für die Kulturpolitik des Bundes und für seine fördernden Abteilungen bedeuten?

  • Zum einen braucht es Förderungen für interdisziplinäre Kunst- und Kulturarbeit. Sehr oft sitzen Klimakultur-Projekte zwischen den Stühlen diverser Förderansätze. Die künstlerische oder kulturelle Auseinandersetzung mit Fragen der Ökologie oder der Klimakrise darf kein Ausschlussgrund für eine Kunstförderung sein.

  • Weiters geht es um aktive ideelle und materielle Unterstützung von Initiativen aus dem Kunst- und Kulturbereich, die Maßnahmen in Richtung Green Events oder Green Locations setzen wollen.

  • Ein Anreizsystem bei der Vergabe von Förderungen könnte klimafreundliches Verhalten befördern. Eine Selbstverpflichtung des Bundes, bei eigenen Kultureinrichtungen und Veranstaltungen auf Green Events zu setzen, wäre ebenfalls ein positives Signal für die gesamte Kunst- und Kulturszene.

  • Aber auch die nachhaltige Wirkung von Kunst- und Kulturförderungen selbst sollte thematisiert werden, indem die Absicherung von Strukturen und kontinuierlichen Arbeitsprozessen gegenüber temporären Projekten stärker in den Fokus gerückt wird.

  • Ganz grundsätzlich aber müssen die Akteur*innen des Kunst- und Kulturbereichs in die Lage versetzt werden, diesen – womöglich zusätzlichen – Aufgaben unter fairen Arbeitsbedingungen nachkommen zu können. Eine konsequente Weiterentwicklung des Fair Pay–Prozesses auf allen Ebenen der österreichischen Kulturförderung – vom Bund, über die Bundesländer bis hin zu den Gemeinden – ist dringend notwendig, um eine nachhaltige soziale Absicherung aller im Kunst- und Kulturbereich Tätigen zu erreichen. Armut im Kulturbereich ist ein latentes Problem, wie wir aus den Studien zur sozialen Lage der Kunstschaffenden in Österreich wissen. Eine angemessene Bezahlung von Kunst- und Kulturarbeit entspricht auch dem Punkt 1 der 17 SDGs, der 17 nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen, nämlich: keine Armut.


Weitere Statements

zum Thema Kultur, Klima, Ökologie
Verena Konrad, Direktorin des Vorarlberger Architektur Instituts

zum Thema Zukunft Kulturinistitutionen
Mirjam Steinbock, Geschäftsführerin der IG Kultur Vorarlberg
Hannah Crepaz, Intendantin des Osterfestival Tirol, Leiterin von musik+ und Galerie St. Barbara
Elisabeth Sobotka, Intendantin der Bregenzer Festspiele und Michael Csar, künstlerischer Betriebsleiter

Nachzusehen auf der Webseite des BMKÖS

 

 

 

 

Kategorie: KlimaKultur